Nachtwache

Schon seit der Gründung unseres Zeltlagers wird in unserer Ferienfreizeit nachts "gewacht".
Einerseits steht im Mittelpunkt unseres Lagers ein Bannermast mit zwei großen Bannern, andererseits befindet sich jedes Mal, wenn wir die Zelte aufschlagen, Material im Wert von mehr als 25.000 € auf dem Zeltplatz. Um diese Werte zu erhalten, ist es notwendig,ein wenig achtzugeben. Tagsüber, wie auch Nachts.

Nachts kommt es außerdem immer mal wieder vor, dass insbesondere jüngere Kinder aufwachen und zunächst schläfrig nicht so recht wissen, wo sie sind. Dann ist es gut, wenn jemand auf dem Platz ist, der bei kleinen oder größeren Nöten helfen kann.

Organisation

Egal, was passiert, als Ansprechpartner für jeden und alles befindet sich immer ein erwachsener Betreuer in Sichtweite auf dem Platz. Eine Wachschicht dauert dabei für die Erwachsenen etwa dreieinhalb Stunden, so dass es in der Nacht eine Wachablösung gibt.
Im Vergleich zu den Erwachsenenwachen dauern die der Gruppen insgesamt nur etwa zweieinhalb Stunden. Die jüngeren oder in der Anzahl besonders großen Gruppen teilen sich für die Nachtwache so auf, dass jedes Kind nur für die Hälfte der Schicht, also etwa 75 Minuten, draußen bleiben muss. Jedes Zelt wird durch die jeweiligen Gruppenleiter oder -leiterinnen, auf festgelegte "Posten" verteilt, die sich direkt an den Zelten, in Sicht- und Rufweite des Betreuers, befinden. Die Leiterinnen und -leiter halten immer die gesamte Wache, damit sichergestellt ist, dass die Kinder und Jugendlichen durch die Personen beaufsichtigt und betreut werden, die sie am besten kennen und zu denen sie am meisten Vertrauen haben. Während dieser Zeit patrouillieren die Gruppenleiterinnen oder -leiter regelmäßig um den Platz und besuchen, je nach Alter der Kinder und Jugendlichen, in kleineren oder größeren zeitlichen Abständen die Wachposten. Die Gruppenkinder sind also ständig unter Aufsicht, und können sich bei Bedarf auch über ihre Erlebnisse austauschen und ihre Wahrnehmungen mitteilen. Je nach Anzahl der Gruppen steht jedes Zelt etwa dreimal auf dem Wachplan, normalerweise einmal für jede der drei nächtlichen Schichten und im zeitlichen Abstand von mindestens drei Tagen.

Der pädagogische Gedanke

Wir wurden schon oft gefragt, ob so etwas wie Nachtwache heutzutage überhaupt noch notwendig ist.

 

Dazu zunächst eins: mit "paramilitärischem Gehabe" hat unsere Nachtwache absolut nichts zu tun. Auch sind wir uns natürlich dessen bewusst, dass Kinder im Notfall keinen Schutz bieten, sondern, im Gegenteil, beschützt werden müssen. Sollten die Lagerleitung, die Gruppenleiter_innen oder die Erwachsenenwache den Eindruck haben, dass z.B. aufgrund extrem schlechten Wetters (wobei leichter Regen nicht unbedingt dazu zählt) oder irgendwelcher Ereignisse im Vorfeld eine Wache durch die Kinder nicht zu verantworten ist, wird diese nur durch den Betreuer und die Gruppenleiter_innen durchgeführt.

 

Aus unserer Sicht bietet aber die Nachtwache auch einige Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu fördern.
In der heutigen Zeit ist zunehmend eine gewisse Reizüberflutung unserer Kinder zu beobachten. Die meisten kennen das nur zu gut: permanente Musikberieselung in Kaufhäusern, Nachmittags- und Vorabendsendungen mit zumindest fragwürdigem Inhalt und vieles mehr, nicht zuletzt ein Phänomen, das mit dem Jugendwort „Smombi“ sehr treffend beschrieben ist – der zunehmende Zwang, dauernd auf das Handy starren zu müssen. Dabei gehen Erfahrungen der Stille, des mit sich allein Seins und der intensiven Wahrnehmung der Umgebung oft verloren.
Wir glauben, dass es wichtig ist zu lernen, mit Dunkelheit und den damit verbundenen "anderen" Geräuschen und auch den daraus resultierenden eigenen Fantasien umzugehen. Wir möchten den Kindern positive Erfahrungen auch in diesem Bereich vermitteln. Und sollte doch mal etwas Angst oder auch Heimweh aufkeimen, was gerade bei den jüngeren Kindern durchaus normal ist, sind Betreuer in der Nähe, mit denen die Kinder reden können und die aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung gut einschätzen können, wie mit diesen Ängsten umgegangen werden sollte. In der Regel fürchten wir das, was wir nicht kennen und hier haben die Kinder die Gelegenheit, eine ganz neue Wahrnehmung der Nacht kennenzulernen.
Falls ein Kind wirkliche Angst haben sollte, und es absolut nicht wachen will (dieser Fall ist unserer Erfahrung nach äußerst selten), bleibt das betreffende Kind natürlich im Zelt!

 

Ein weiterer Aspekt der Nachtwache ist die Auswirkung auf die Gruppendynamik und den Zusammenhalt der Kinder. Die Befürchtungen und Ängste und die Erlebnisse und Wahrnehmungen während Nachtwache eint die meisten Kinder. Noch direkt nach der Schicht berichten sich die tapferen Wachen gegenseitig, was passiert (oder oft auch eben nicht passiert) ist, was man gesehen und gehört hat oder worüber sich die Leiter wieder unterhalten haben, weil sie dachten, kein anderer hört zu. Diese Erfahrungen und der Austausch darüber haben großes Potenzial, das Gruppengefüge zu festigen (selbst wenn das ein oder andere Erlebnis dann oftmals doch ein wenig „kreativ erweitert“ wurde ;-) ).

 

Eine letzte Facette unseres Wachkonzeptes beruht ein wenig auf Zufall. Jedes Jahr kommen, gerade am mittleren Wochenende, ehemalige Leiterinnen und Leiter, aber auch ehemalige Gruppenkinder oder einfach Freunde des Zeltlagers zu Besuch und lassen es sich nicht nehmen, das Lager zu überfallen. Auch kommt es vor, dass Gäste aus der Region, z.B. andere Jugendgruppen, bei uns anfragen, ob sie nachts einen kleinen Überfall oder sogar ein nächtliches Spiel für unsere Wachen durchführen dürfen. Dann bekommen die Gruppenkinder mit, wie sich die Gruppenleiter organisieren, wie sie nachts irgendwelche Gestalten verfolgen, durch den Wald huschen und Überfäller jagen. Und wenn dann eine der nächtlichen Wachen in der Morgenrunde berichten darf, was passiert ist, sie vielleicht sogar dazu beitragen konnte, dass einer der „Schufte“ vor dem Betreten des Platzes gepackt werden konnte, und wenn dann anschließend gemeinsam die traditionell von den Überfällern mitgebrachten Süßigkeiten genossen werden dürfen, dann sprühen die einen vor Stolz, dabei gewesen zu sein, andere sind gespannt darauf, was noch so passieren wird und alle sind sich einig: manchmal ist die Nachtwache zwar wirklich langweilig, aber sie gehört definitiv zu unserem Zeltlager!

 

Sollten Sie dennoch irgendwelche Bedenken haben, z.B. weil Ihr Kind bereits schlechte Erfahrungen gemacht hat, melden Sie sich bitte bei uns. Das würde uns ermöglichen, besser auf Ihr Kind einzugehen.